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Christian Ludwig Humborg geb. 1973
in Münster in Westfalen; wohnt und arbeitet nach Aufenthalten in
den USA, am Bodensee, in der Schweiz, in den Niederlanden und in Südafrika,
seit 1998 in Berlin. Siegertext poetry slam #2 Die Space-Party (C. Ludwig Humborg, 1998) Es war einsam
hier oben, verdammt einsam. Aber es war mein Job. Ich hatte es nicht anders
gewollt. Außerdem verstanden wir uns gut. Immerhin waren wir zu
dritt. So einsam war es nun auch nicht. Wir drei, das waren außer
mir noch Turner und Lebinsky, der Russe. Drei Vasallen der Wissenschaft
auf der Suche nach Arzneien für die Menschheit. Lebinsky war schon
länger hier. So um die 17 Wochen. Nächste Woche sollte er abgelöst
werden. Daher unsere Party heute. Als wir die sonnenabgewandte Seite der
Erde erreichten, sorgte Turner für Musik aus dem krächzenden
Bordradio russischer Herkunft, wie fast alles in dieser altersschwachen
Raumstation. Kurz darauf ploppte das erste Bier. Es schmeckte gut. Es
perlte quasi von der Zunge. Lebinsky fing gleich mit dem Wodka an. Wir
hatten die Klimaanlage auf Umluft gestellt. So mussten wir keine Masken
tragen. Die Strohhalmsaugerei knallte ganz schön rein. Besonders
der Wodka. Lebinsky fing an, von tschechischen Frauen zu labern. Turner
stand auf dem Kopf und schrieb Emails. Mir fiel ein, daß wir Morphium
im Notfalllazarett hatten. Davon so ein kleiner Cocktail. Das würde
eine richtige Space Party werden. Lebinsky fand meinen Einfall hervorragend.
Falls ich ihn noch richtig verstanden hatte. Turner wollte lieber LSD,
aber scheiße, wo sollten wir hier im Weltraum LSD herkriegen. Wir
waren dabei nur schlappe 150 km von der Erde weg. Turner hatte die großartige
Idee, die Morphiumeinnahme sponsern zu lassen. Schnell mailte er zur Erde
an Hoechst LaRouche: Haben Sie Interesse an Erkenntnissen über die
Wirkungen bei der Einnahme von Morphium im luftleeren Raum? Auf eine Antwort
konnten wir nicht warten. Lebinsky war gleich hinüber. Er konnte
kein Englisch mehr. Ich dachte, ich wäre in einem Raumschiff und
würde die Erde umkreisen, á la Mr Spock, aber scheiße,
das war ja die Realität. Wenn das Timothy Leary noch erlebt haette,
die Realität überholt die Vision. Die Erde drehte sich wie ein
Glücksrad durch unser Bugfenster und ich war der Kapitän. Das
Navigationsinstrument zeigte 42. Ich mußte was getrunken haben,
ich mußte pissen, ich litt an Inkontinenz, ich bin ein gebrechlicher
alter Mann, vor mir sah ich eine Bierdose. Wo ist ein Baum, ich brauche
einen Baum zum pissen. Die anderen Menschen in der Kapsel flogen in der
Gegend rum, stiessen mit dem Kopf an die Decke oder das, was meistens
oben war, die waren wohl high. Wow, das war die beste Space Party meines
Lebens, ich muß pissen, wo ist ein Baum, als ich ihn sah. Aus dem
Fenster. Dort flog er. Ein Baum mit vielen Ästen ohne Blätter.
Es mußte Herbst sein auf dem Planeten Erde. Ich hörte die Blätter
fallen. So ist das als Mann, da muss man raus in die Kälte und noch
was erledigen. Ich glitt in den Raumanzug und dann in die Schleuse. Die
Verbindungsleine als Nabelschnur zur Menschheit und ich draussen im Nichts.
Ich bin im Nichts, ich bin der wahre Nihilist. Vor mir der Baum des Lebens.
Ich werde ihn gießen. Der Baum als Satellit. Wir hatten ihn mühsam
repariert. Jetzt würde ich das Werk begießen. Seine Tentakeln
flatterten im Wind. Würden im Wind flattern, wenn es hier Wind geben
würde. Unten auf der Erde, auf allen Kontinenten, auf den Bildschirmen
der Menschheit würde eine gelbe Soße hinunterlaufen und sie
würden sich fragen, wer gegen die Kamera pißt, wo ich doch
nur einen Baum gieße. Raumanzüge haben keine Reisverschlüsse.
Pissen ohne Reissverschluß, da kann man sich wenigstens nicht den
Schwanz einklemmen. Klettverschluesse sind praktischer da draussen in
der Wildnis, wo nur moderne Cowboys überleben. Grenze weiter voranschieben,
nicht Gott suchen, nur mal so schauen, was Lage ist. Huh, das wird hektisch,
wenn ich nicht bald aus dieser Hose rauskomme. Jetzt klappts, hah, das
tut gut, es wird bloss kalt, sibirische Steppe ich musste an Lebinsky
denken. Der gute alte Lebinsky, der hat keine Ahnung was es bedeutet,
nach einem Bier mal strullen zu gehen. In Rußland ist es immer zu
kalt. Da friert einem der Strahl beim Pissen ab. Meine Pisse floß
nicht. Sie schwebte. Pissen im luftleeren Raum. Sie war gleich gefroren.
Ich hatte mich verewigt. Mein Innerstes würde ein Meteor werden und
durch das Weltall fliegen und irgendwann auf einem Stern aufschlagen.
Man würde später Wasser finden, vielleicht sogar Leben. Und
ich erkannte, wie die Welt entstanden ist. Gott mußte mal pissen.
Ich bin Gott, stellte ich fest. Dann brauche ich diesen lächerlichen
Anzug nicht, ich zog ihn aus, er schwebte weg, ich kappte die Leine, und
es wurde kalt, und ich kriegte keine Luft. Scheiße, ich bin doch
nicht Gott, scheiße was für ein beschissener Trip. Schönheit dritten Grades (C. Ludwig Humborg 1997) Ich hatte
sie in einer Kneipe kennengelernt, in Berlin. In einer dieser Kneipen
im Osten, in denen vor eins nichts los ist. Sie war mit einer Freundin
der Freundin gekommen, mit der ich diese lockere Runde am Abend vereinbart
hatte. Ich war gleich baff gewesen, als ich sie gesehen hatte und hielt
mich am Anfang ihr gegenüber entsprechend zurück. Vorschnelle
Interessenauslegung schafft Ungleichgewicht führt zu Mißlingen,
und ich fühlte mich durch ihre Erscheinung herausgefordert. Sie kam
aus Australien und wollte ein Jahr lang Europa erkunden. So hangelte sie
sich von Bekannten zu Bekannten von Bekannten oder machte neue Bekannte.
Jetzt waren wir bekannt geworden und es war nur folgerichtig, daß
ich sie am nächsten Tag anrief und mich erbot, ihr Berlin zu zeigen.
Genau die richtige Dosis an Zustimmung ihrerseits zu diesem Plan steigerten
meinen Ehrgeiz. Das Atemberaubende an ihr war ihr Aussehen, ihre so reine
Schönheit. Entsprechend vorsichtig war ich zunächst, paart sich
doch ein Übermaß an Schönheit zu oft im Lauf der Lebensgeschichte
mit einem kranken Verhältnis zu emotionalen Empfindungen und Äußerungen.
Ihr Berlin nahezubringen, gab mir diesen kosmopoliten, weltgewandten Drive,
dazu mit so einer Frau gesehen zu werden, ich genoß es. Ihr gegenüber
gab ich mich als Jude aus, um diese unterbewußte Achtung vor Bildung
und Reichtum hervorzulocken, die meine durchschnittliche Herkunft überspielen
sollte. Nach zwei Tagen Stadtbesichtigung schliefen wir das erste Mal
miteinander in einem unbeheizten Zimmer einer Freundin von mir im Osten
der Stadt. Er war uns zu weit erschienen, der lange Weg bis nach Spandau
zu meinem kleinen, aber luxuriösen Appartement. Die Begierde aufeinander
war im Laufe des Abends ins Unsägliche gestiegen und entsprechend
war der Sex, obwohl ich nach höchstens fünf Sekunden Zusammensteckerei
kam. Nach einer Woche zog sie vorübergehend bei mir ein, obwohl ich
mich nicht in mir getäuscht hatte. Denn in kürzester Zeit setzte
eine Indifferenz ihr gegenüber ein, die erschreckend war. Ich hatte
bekommen, was ich wollte, konnte der Welt gegenüber prahlen, klar,
mit der war ich im Bett, aber gefühlsmäßig lief gar nichts.
Und das lag keineswegs an mir. Ihre Schönheit hatte sie gefühlskalt
werden lassen, unfähig, sich im Strom der Gefühle treiben können
zu lassen. Nicht, daß ich der klassische Südeuropäer bin,
aber ich bin ja auch nicht wunderschön, aber sowas bei einer Frau
hatte ich noch nie zuvor erlebt. Alles war nett, alles war OK, wir waren
zusammen. Ich fing an auszutesten, wie weit ich gehen könnte. Zuerst
beschränkte sich dies auf die reine Koketterie anderen Frauen gegenüber,
aber nichts, alles OK. Ich wollte unserer losen Beziehung ja nicht gleich
einen völlig unangemessenen monogamen Charakter verleihen. Schließlich
verbrachte ich eine Nacht bei einer anderen Frau. Keine Reaktion am nächsten
Morgen, als ich todmüde und in einem völlig derangierten Zustand
in mein Appartement zurückkam, sie nahm es kühl zur Kenntnis.
Beim zweiten Mal erzählte ich es ihr, ich hätte was mit einer
anderen Frau gehabt, und das wär schon die zweite gewesen. Ihre einzige
Reaktion bestand darin, mir mitzuteilen, ich könnte genau dreimal
was mit einer anderen Frau haben, dann sei Schluß. Nun gut, dachte
ich, sei mal eine Weile ein Ehrenmann. Nachdem diese Weile aber dann auch
vorüber war, kam ich morgens wieder in mein Appartement zurück.
Ich denke, mir war anzusehen, daß ich nicht betrunken unter einer
Brücke eingeschlafen war. Der Luxus meines Appartements bestand in
Kleinigkeiten. Kleine Dinge, die das Leben angenehm machen. Als einen
dieser luxuriösen Kleinigkeiten betrachtete ich meine Dusche. Eine
kompakte Duschkabine, die freie Regelbarkeit der Temperatur und der volle
Strahl ermöglichten es, die Unzulänglichkeiten des eigenen Lebens
und der ganzen Welt abzuspülen. Der einziger Schönheitsfehler
bestand darin, daß die Wände der Duschkabine falschrum montiert
waren, so daß man nicht rausschauen konnte, aber rein. An jenem
Morgen stieg ich gleich in die Dusche, um die Ereignisse der letzten zwanzig
Stunden abzuspülen, um ihr mit reiner Weste gegenüberstehen
zu können. Mein Duschritual war immer das gleiche, erst der Kopf,
dann der Körper und dann relaxt bestrahlen lassen. An diesem Morgen
stand ich zum Abschluß relaxt unterm Strahl, als das Wasser heißer
wurde, verdammt heiß. Sofort drehte ich wie wild am Regler, nichts
tat sich, ich versuchte, das Wasser ganz abzustellen, während die
Temperatur weiter stieg. Ich rüttelte an der Tür, doch die kompakte
Duschkabine war wie verriegelt. Draußen nahm ich schemenhaft ihre
Umrisse war. Ich rüttelte an der Tür, flehte sie an, schrie,
auf meinem Körper bildeten sich die ersten Brandblasen, während
das Wasser mich reinigte, mir alle Sünden abspülte. Die Luft
war heiß und vor allem das Wasser, das Wasser, das Wasser, heiß,
heißer kochend, Verschrumpelungen, ich hielt das nicht mehr aus,
ich schrie, ich konnte nicht mehr schreien, bis schließlich die
Duschkabine aufgrund der Hitze barst. Sie stand kalt da wie ein erstarrter
Eisblock. Als ich mich auf sie stürzte und in sie eindrang, mit dem,
was mir geblieben war, schmolz sie dahin. Siegertext poetry slam #4 Durch die Wüste – in memoriam Radebeul (Ó C. Ludwig Humborg 1999) Endlich frei. Die Ketten der Gefangenschaft abgeschüttelt. Über ihnen brannte die Sonne Afrikas und unter ihnen kitzelte der Wüstensand so rum. Wieviele Jahre mochten es gewesen sein? Charlie konnte sich nicht erinnern. Sora war gleich Feuer und Flamme gewesen, als er ihr seinen Plan mitgeteilt hatte. Zusammen würden sie es schaffen. Seit vielen Tagen waren sie nun in der Sahara unterwegs. Tagsüber hatten sie Rast gemacht und nachts waren sie weitergezogen, so wie sie es als Söhne und Töchter der Wüste quasi von der Schulbank auf gelernt hatten. Langsam wurde es Abend. Die Hitze flirrte, die Sonne brannte und es war kein Wölkchen am Firmament zu erblicken. Es war nicht mehr weit bis zur nächsten Oase. Charlie träumte schon vom saftigen Naß des blauen Wassers. Und es wurde auch Zeit, sie hatten lange nichts flüssiges mehr verzehrt. Für Laufen ohne Wasser waren sie erschaffen worden, aber diese Garantie galt nicht ewig. Als die ersten Palmen am Firmament zu sehen waren, beschleunigten sie ihr Tempo. Dennoch, sie mußten vorsichtig agieren, die Häscher waren ihnen sicher schon auf den Fersen. Ein Glück, die Luft war rein und sie konnten sich einen ersten Drink genehmigen. Vor kurzem mußten Menschen da gewesen sein, denn der mit Messerstichen entstellte Leichnam hinter der Düne war noch warm. Sora war die, die das Thema als erstes aufbrachte: was jetzt? Klar, sie hatten nun die Freiheit, sie konnten tun und lassen, was sie wollten, aber was war mit dieser Freiheit anzufangen? Womit den Tag verbringen? Was war das Ziel? Wohin sollte man sich wenden? Wieso, weshalb, warum? Was tun zwei Kamele mit ihrer frisch gewonnenen Freiheit? Charlie wollte erst mal poppen. Danach drängte sich die Frage erneut ins Gemüt: was jetzt? Gewiß weglaufen, aber wohin? Sora überlegte sich ein Piercing machen zu lassen. Charlie überlegte, sich eine fesche Frisur schneiden zu lassen. Dann poppten sie nochmal. Am nächsten Abend beschlossen sie, erstmal weiterzufliehen. Zurück in Ketten, das war auch blöd. Es dämmerte und der aufwirbelnde Staub zeugte von ihren flinken Hufen. In der darauffolgenden Nacht gerieten sie an den Rand des Schott-el-Dscherid. Charlie hatte durch die Schriften Karl Mays mitbekommen, daß dies ein gefährliches Pflaster war. Ein Fehltritt und die Salzwüste würde sie samt allem drum und dran verschlingen. Schluuuuuuuummmmmmm. Endlich eine neue Herausforderung. Sora tänzelte Charlie hinterher, der immer nur eine Hufe auf unbekanntes Terrain setzte. Er war froh, daß er vier Beine hatte. Bei zwei Beinen wäre man mit einem gleich immer in der ungewissen Zukunft. Wenn morgens die Dämmerung anbrach, glitzterten die Salzkristalle im Glanz der Sonne. Nach zwei Nächten waren Charlie und Sora am anderen Ende der Salzwüste angelangt. Sie betraten eine neue Zukunft, eine Zukunft in Freiheit. Aber daß das einmal sein Los sein würde, in der Fremde zu sterben, das hätte sich Charlie nie erträumen lassen. Sie lebten von Datteln und Grasbüscheln so vor sich hin. Ab und an genossen sie ein paar Dutzend Schlücke Wasser und das war’s. Ansonsten faul in der Sonne rumliegen, ab und an mal poppen. Aber das war langsam auch nichts mehr, wenn das jetzt immer ging. Booaaa, war das langweilig. Charlie beschloß: Jetzt ist Schluß mit lustig! Und sie meldeten sich zur Zwangsverpflichtung. Kamele, die mit ihrem Leben nichts kamelmäßiges vorhaben, wie z.B. Lasten zu transportieren, verfehlen nun mal ihren Daseinszweck. Dies war Charlie und Sora während ihrer wilden Eskapaden bewußt geworden. Als ihr neuer Boss von der Zwangsverpflichtung die Eigentumsmarken entdeckte, schickte er sie zurück, wo sie hergekommen waren. Zuhause hatte die Kunde von Charlie und Sora, die nicht mehr in Ketten schuften wollten, die Runde gemacht und Milliarden von Kamelen streunten ziellos in den Wüsten der Welt herum. Ihr alter Boß machte kurzen Prozeß und Charlie und Sora wurden Märtyrer in der Kamelgeschichte: Wandrer kommst Du nach Algerien, ob im Urlaub oder Ferien, denk an Charlie und Sora, die Kamele der Arbeitseifer ewig lebe!
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