Der poetry slam! Frankfurt in den Medien

Berichte und Mitschnitte des Frankfurter Poetry Slam gab (und gibt) es im Radio und TV: hr1: Meridian u.a. | hr XXL/YOU FM | hessen tv (h3): Hessenschau-Tips | Radio Unerhört, Marburg, Radio X: regelmäßig bei Studio X (BCN-Radio) und bei Knallfabet und natürlich in Zeitungen und mitterweile bei YouTube und myspace etc.

Wenn Ihr in der Presse (oder im Web) über Artikel stolpert, in denen der poetry slam! Frankfurt erwähnt wird - her damit - wir freuen uns! Danke! Kontakt

poetry slam auf der Buchmesse 2008:
FR-online.de, 20.10.2008

Der echte Sportsgeist
... herrscht beim Poetry Slam. Hier treten Autorinnen und Autoren in den Wettstreit und mit eigenen Texten vor ein Publikum, das sich gar nicht mal unbedingt für Bücher interessieren muss, aber trotzdem nach dem Vortrag den Daumen heben oder senken darf. Nein, mit einer Lesung hat das nichts gemein - das ist "orale Kulturvermittlung", so nennt es mein FR-Kollege Christian Schlüter. Und: eine anarchische Form von Kritik am etablierten Literaturbetrieb. Denn hier darf jeder. Man muss sich nur bei einer der rund 90 Poetry-Slam-Veranstaltungen anmelden, die jeden Monat in Deutschland stattfinden, und schon geht’s rein in die Kneipe und raus auf die Bühne. So gerät Literatur ans Tageslicht, die ansonsten ungelesen, ungehört, unrezensiert geblieben wäre. ...
[Video 7:06]


poetry slam#75, u20 2008:
arte, 15.10.2008

Beatbox und Bionade - Slammen in Frankfurt

Einer der ältesten Poetry Slams Deutschlands findet in der Mainmetropole Frankfurt statt. Unter dem griffigen Titel „Slamffm“ sind hier mittlerweile über (...)
[Video 7:18]

ARTE Web Slam Runde IV

Die Teilnehmer an der Dichterschlacht im Frankfurter Mousonturm dürfen am ARTE Web Slam - Runde IV teilnehmen. Sehen Sie ihre Performance hier!
[5 Videos]


poetry slam special, 21.12.2007:
That'sTV, 14.01.2008

Ich bin ein Einarmiger Bandit... [Video 7:08]


poetry slam #66, :
1st TOUCH Magazine, 14.10.2007

Getting Slammed

Written by L.M. Carmen Villadar

It was particularly dark for my liking but there was nothing I could do. The only lights that were available, surprisingly, were those that had lit the person I had come to see. I couldn't yet see his face but his breathing murmurred through the place like a ghostly reverb from a half forgotten key on a synthesizer. It was eerie. After the breathing had subsided I could see his shoulders gravitate down to the ground and as his head began to raise upwards, I could feel the power of his voice as he unleashed, at what seemed like a 40km per hour gust of words. I had just been slammed!
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Jazz Poetry Slam:
Frankfurter Rundschau, 13.03.2006

Es muss nicht immer Reim sein


German International Poetry Slam:
Frankfurter Rundschau, 19.09.2003

"Hauch von Größenwahn"
Noch zwei Wochen, dann geht der Poetry Slam 2003 los

Von Jamal Tuschick

"Du sollst nicht langweilen." So lautet das erste Gebot des Poetry Slam, einer Kreation aus dem Chicago der mittleren 1980er Jahre. Inzwischen wird die Motown-Variante des literarischen Wettbewerbs weltweit adaptiert. Seine Mitstreiter, "the international slamily", verstehen sich gleichermaßen als Autoren und Performer. Ihre Arenen sind Clubs, die ein literaturfernes Publikum zur Einkehr bewegen können. Es verfügt über das Textangebot mit launischer Urteilsgewalt. Was nicht zu seinem Vergnügen ist, gilt nichts. Das härtet die Produzenten und bringt sie weiter: womöglich bis zur Teilnahme an der alljährlichen Deutschen Meisterschaften.

Das 7. German International Poetry Slam findet nun in Darmstadt und Frankfurt statt. Der Hauptveranstaltungsort und Mitveranstalter, die Darmstädter Centralstation, ist Heimspielplatz und Hochburg von Deutschlands größtem Poetry Slam, der "Darmstädter Dichterschlacht". Rechtlich eingeordnet als gleichnamiger Verein, richtet sie diese Konkurrenz hauptsächlich aus. Außerdem beteiligen sich daran das Schauspiel Frankfurt und die Frankfurter Slam-Dependance unter der Ägide von Dirk Hülstrunk.

Schriftsteller Hülstrunk begann mit dem "Slam im BCN-Café" 1998. Die Initiatoren kündigen den Wettbewerb als literarisches Großereignis an, das alle einschlägigen Rekorde brechen und in Hessen neue Maßstäbe setzen soll. Sie erwarten rund sechstausend Zuschauer bei sechzehn Veranstaltung mit insgesamt hundertzwanzig Autoren auch aus Österreich und der Schweiz, die vom 2. bis 5. Oktober in Darmstadt und Frankfurt über die Bühne gehen werden.

Bei den Einzelwettbewerben treten stets zwölf Künstler mit siebenminütigen Beiträgen an, die sich bereits in ihren Städten als die Besten qualifiziert haben. Von ihnen erreichen immer zwei das Finale am 4. Oktober in der Centralstation. Der Austragungsmodus verspricht interessante Vorrunden, die alle auch mit einem rahmenden Unterhaltungsprogramm ausgestattet sein werden.

Das Publikum bildet die Jury. Es stimmt mit Dichtungsringen ab, die auf Stäbe gezogen werden. Jeder Sieger wird also vor einer Menge Gummi sitzen. Das verriet Oliver Gaußmann, Spiritus rector der "Darmstädter Dichterschlacht" und Lehrer im Brotberuf. "Wer eine Klassenfahrt organisieren kann, kann alles". Gaußmanns Begriff vom Poetry Slam ist "poppig". Er mag es überirdisch und schick, im Gegensatz zu den Vertretern einer Kellerkultur, die aus den Jeder-darf-mal- und Social-beat-Zeiten ein eher undergroundiges Slam-Verständnis behalten haben. Gaußmann will "nichts Verstecktes und Verhuschtes". Ihm schwebt die große Show vor, gern mit einem "Hauch von Größenwahn". Die erste Slam-Veranstaltung brachte er vor drei Jahren in eine Halle, in der sich dreihundert Leute verlaufen hätten. Nur wer die Bibelkreise kennt, die normalerweise bei Lesungen vor den Autoren meditieren, weiß, was es bedeutet, eine partygeile Menschenmenge an Literatur heranzuführen. Das verlangt unbedingt eine direkte Wirkung der Vorträge.

Die Texte müssen "Herzen und Hirne" ohne Umwege erreichen, sagt Alex Dreppec, Autor und Psychologe. Er hob mit Gaußmann die "Darmstädter Dichterschlacht" aus der Taufe. Übrigens entdeckten die Partner im BCN-Café ihre Leidenschaft für Poetry Slam. In diesem Genre gibt es auch einen nationalen Teamwettbewerb, für den in diesem Jahr 24 Meldungen eingegangen sind. Das Mannschaftsfinale wird am 3. Oktober im Schauspiel Frankfurt ausgetragen.

• Der Poetry Slam wird am 2. Oktober eröffnet: um 20.30 Uhr in Darmstadt, Centralstation, um 21 Uhr in Frankfurt, Kommunikationsfabrik. Das komplette Programm findet sich unter www.slam2003.de, wo auch bereits Karten online bestellt werden können.


Frankfurter Rundschau, 19.03.2002
Dichter dran
Pflichtlektüre

Eine spontane Idee kann manchmal eine gute sein. Als Petra Seynstahl vor einigen Wochen beim Poetry Slam im BCN-Café im Publikum saß, kam ihr der Gedanke, eine neue Veranstaltungsreihe auf die Beine zu stellen, dem Poetry Slam ähnlich, jedoch mit weniger Teilnehmern, dafür mit mehr Zeit für den einzelnen Auftritt. Prinzipiell eine gute Idee.

Weniger gut war die Idee, als Veranstaltungsort den geradezu furchteinflößend hässlichen "Hinterhof" in der Egenolffstraße auszuwählen, dessen holzverkleidetes Ambiente selbst in einem eingefleischten Sanguiniker Todessehnsucht erweckt. "Dichter dran" ist der Titel der Leseperformance-Serie, die hier an jedem zweiten Donnerstag im Monat ihren festen Platz haben soll. Zum Auftakt wollten der in Frankfurt lebende Lyriker Maik Lippert und sein Partner Stephan Flommersfeld ihre literarische Alltagsgymnastik Timmy und BeBe vorführen.

Flommersfeld stand jedoch im Stau, weshalb die Autoren der kommenden Veranstaltungen sich schon einmal als Lückenfüller betätigen mussten. Das wiederum war definitiv eine schlechte Idee.

Alexandra Becht zum Beispiel war schon mehrmals mit ihren enervierend ironiefreien, pathetischen Selbstentblößungen im BCN-Café aufgetreten und hatte kurioserweise den Wettbewerb sogar einmal gewonnen. Als Herr Flommersfeld dann eintraf, wurde es im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten dann doch ganz lustig, was vor allem an Maik Lippert und seinen ins Skurrile gewendeten Alltagsbeobachtungen lag: "na pozegnanie / zum abschied sagten die drei polen / und aßen bei mir / eisbein / vor dem zusammenstoß / auf der b4."

Stephan Flommersfeld trug im Wechsel Texte mit kuriosen und bemerkenswerten Begebenheiten vor. Da konnte man unter anderem lernen, dass ein US-Gericht einen Tierquäler zur Lassie-Pflichtlektüre verurteilen kann.

Beim nächsten Mal wird Martin Ring Gedichte lesen. Eines davon, Stoßgebet, hatte er schon in der Wartezeit zum Besten gegeben: "Ja / Ja / Ja / Ja / Ja / Ja / Samen". Das wird bestimmt ein ausgelassener Abend. cs


Frankfurter Neue Presse, 16.03.2002
Weine nicht, kleine Poesie

„Musik hören ist wie ein Gedicht lesen“, sagt Alexandra Becht über ihre größte Inspirationsquelle. Für sie ist es Lyrik, die eben musikalisch hinterlegt ist. Früher war es „Prince“, der sie begeisterte, heute eher der Mannheimer Xavier Naidoo oder die amerikanische Pop-Poetin Ursula Rucker. Aber nicht nur wegen ihrer musikalischen Qualitäten, sondern vor allem wegen des Inhalts in den Songtexten, die ihr „unter die Haut“ gehen wie anderen vielleicht ein wummernder Bass.

Zuhören allein reicht ihr aber nicht. Seit zehn Jahren verfasst die 24-Jährige Wahlfrankfurterin eigene Gedichte. Früher noch in Englisch – aus demselben Grund, aus dem Musikbands ihre ersten Lieder in Englisch verfassen: Man glaubt, die Weltsprache verhelfe einem, besser rüberzukommen – seit einigen Jahren hat sie dagegen ihre Muttersprache „wiederentdeckt“. „Weil ich in Deutsch eben alles sagen kann.“ Und das ist nicht wenig. Ihre Zeilen füllen mittlerweile Sammel-Bände.

Das ist aber nur die ein Seite von Alexandra Becht. Die Lust am Schreiben teilt sie wahrscheinlich mit Tausenden heimlichen Heim-Schriftstellern. Sie würde ihr aber nur so viel Erfüllung bieten wie einem Musiker die fehlende Bühne, wenn da nicht die Auftritte bei den „Poetry-Slams“ wären, einer Underground-Veranstaltung von extrovertierten Gelegenheits-Dichtern, die von 1986 an ihren Siegeszug über den ganzen Erdball antrat und ein Konzept verbreitete, mit der der Bauarbeiter und Feierabend-Autor Marc Smith im „Green-Mill-Club“ in Chicago erstmals seine Idee verwirklichte, Lesungen vor einem Publikum abzuhalten, das entweder durch Applaus oder in Form einer Jury ihre spontane Wertung abgab.

Alexandra Becht ist an solchen Abenden ebenso gespannt auf die schonungslose Reaktion des Publikums wie alle anderen Teilnehmer vor ihr, die schon in Kurzbeiträgen von höchstens zehn Minuten die Wirkung ihrer selbst verfassten Prosa oder Lyrik testen wollten, ob anspruchsvoll oder komisch, einstudiert oder vom Blatt improvisierend, ohne Kostüme und Musik. Seit sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal an dieser ungewöhnlichen Form der Literatur-Rezeption zwischen Kunst und Unterhaltung teilnahm, aus der man außer dem Beifall und einem kleinen Preisgeld nur eine „wertvolle Erfahrung“ mitnehmen kann, hat sie „ihre“ Bühne gefunden.

Vorreiter der „Slam“-Bewegung in Deutschland waren die beiden Münchener Ko Bylanzky und Rayl Patzak. Seit langem sind dort die Veranstaltungen ohne großen Werbeaufwand jedes Mal ausverkauft. Der „Spiegel“ zählte die „Poetry-Slams“ in Köln und München bereits zum „kulturellen Pflichtprogramm“. Tendenz: steigend. Aus dem Schattendasein haben sich schon Schriftstellerinnen wie Tanja Dückers, Karen Duve oder Judith Hermann auf „Slams“ herausgelesen. Mittlerweile sind es 120 Städte, die eine eigene Szene bieten können und einmal im Jahr ihren erfolgreichsten Nachwuchs zum „German International Poetry-Slam“ (GIPS) entsenden – dem Finale in Sachen „Performance-Poesie“, bei der die besten Einzelpersonen und das beste Poeten-Team Deutschlands ermittelt werden.

Lange musste Alexandra Becht nicht warten, um selber ganz oben zu stehen. Schon beim zweiten Anlauf errang sie den ersten Platz beim Frankfurter Wettbewerb, die wie überall meist männlich ist. Sie beschwichtigt: „Die Leute hatten eben an diesem Abend Lust auf mich.“ Beim Hamburger „GIPS“ im vergangenen Jahr musste sich Alexandra Becht beispielsweise damit zufrieden geben, nicht über die erste Runde hinausgekommen zu sein.

Weiter stören tut sie das nicht. Sie weiß, dass sie mit ihren Texten bei manchen Zuhörern „aneckt“, dass sie mit ihrer selten „verblühmten“, öfter aber viel direkteren Art mehr provoziert als alle anderen, die ihre Texte ausschließlich für einen „Slam“ schreiben. Becht schreibt sie zunächst einmal für sich selbst, was sich aus einer für sie natürlichen Notwendigkeit ergibt: „Ich schätze das Schreiben als Dokumentation meiner geistigen Revolution, als Spiegel meiner Seele, der mir ein wenig Klarheit in der Komplexität eines menschlichen Geistes verschafft“, so Alexandra Becht auf ihrer Internetseite.

Dazu gehört auch, „den Leuten zu sagen, was ich von ihnen halte“, meint die 24-Jährige und schließt an: „Vielleicht ist das vielen zu kritisch.“ Dabei erzähle sie doch nur die Wahrheit. Beispielsweise einen „Guten Morgen“ zu wünschen und im nächsten Moment keine Zeit zu haben, wenn es jemandem dreckig gehe, oder an Obdachlosen vorbeizugehen und nicht einmal runterzuschauen. Das sind Anzeichen für Alexandra Becht, die sich außerdem mit den Lehren des Buddhismus auseinanderzusetzen begann, dass „Menschlichkeit immer mehr in den Hintergrund fällt“. Sie sieht sich letztlich auch nicht als Poetin, sondern als Künstlerin, die Poesie, Musik und Spiritualität verbindet. Die erste Single „Koexistenz“, die das von ihr verfasste gleichnamige Gedicht mit selbst komponierter Musik vereint, ist bereits erschienen. Zur Zeit arbeitet sie an einem Multimediabuch. Vielleicht ist sie aber auch eine der wenigen ganz besonderen Lebenskünstlerinnen.
Olaf Kern

Alexandra Becht ist zu sehen und zu hören: 22. März, 21. Frankfurter „Poetry-Slam“, „BCN-Café“, FH-Frankfurt (Nibelungenplatz 1), Einlass: 20.30 Uhr. 30. März, Beitrag im Kulturmagazin „Metropolis“ auf „Arte“, 21.45 Uhr. Internet: www.per-vers.com


poetry slam #17:
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2001
Vers Pervers oder "Ohne schlechtes Gewissen trivial sein" 

Die heftige Dichtung hat auch in Hessen ihre Anhänger: "Poetry Slams" werden regelmäßig ausgetragen

Ihre Literatur gedeiht zwischen Bierdeckeln. Wo man sie am wenigsten erwartet, in schummrig-düsterer Diskoatmosphäre, steigen seit einiger Zeit Dichter auf die Bühne: Ein Moderator kündigt die „perverse Alexandra" an. Dann tritt eine brav gekleidete junge Frau mit Pferdeschwanz ins Scheinwerferlicht und knüpft ihre dunkle Strickjacke auf: „per-Vers" ist auf dem Stoff ihres
weißen T-Shirts zu lesen. Mit affektiert-lasziver Stimme ,und ebensolchen Gesten trägt
Alexandra Becht ein Gedicht vor, das -vielleicht ein bißchen unverschämt - die Verschämtheiten der Menschen aufs Korn nimmt. Auch wenn die Dichterin ihr Ich „die Perversion in Perfektion" nennt, wirkt ihr Vortrag letztlich weder anstößig noch ausfallend. In zwei weiteren Werken macht sie sich ihren Reim auf die „Nacktheit" und Fragen von, „Wichtigkeit" und „Nichtigkeit". Nicht einmal zehn Minuten dauert die Darbietung. Die Zuschauer spenden viel Beifall.
„Die Leute mögen das", sagt ihr Kontrahent „Lasse Nienach" der seinen bürgerlichen Namen nicht verraten möchte. Noch bevor der blonde junge Mann auf die Bühne steigt, gibt er sein Duell mit der „Perversen" verloren. Dann tritt er doch ans Mikrophon, blättert emsig in seinem Textbuch und läßt schließlich skurrile, manchmal ein bißchen hessisch getönte Wortkaskaden hören, die er mit Zeitgeistvokabeln wie „Emotionale Intelligenz", „grenzüberschreitend" oder „Teamgeist" gespickt hat. Er spricht schnell, spielt mit den Tonlagen, flüstert, brüllt, entrüstet sich: „In welchem Jahrhundert soll man denn noch leben?" Dann entscheiden die Zuschauer. Beim „Poetry Slam" haben sie es in der Hand, welcher Teilnehmer die nächste Runde erreicht und wer am Ende als bester Texter und Performer aus dem Wettstreit hervorgeht. Auf den Tischen des BCN-Cafés im Gebäude der Frankfurter Fachhochschule liegen Stimmzettel. Text und Performance können mit bis zu zehn Punkten bewertet werden.
Die in den achtziger Jahren in den Vereinigten Staaten entstandene Form der Live-Präsentation von Literatur hat auch in Deutschland mittlerweile viele Anhänger. Die ersten „Slams" fanden Mitte der neunziger Jahre in Berlin, Hamburg und München statt, dann breiteten sie sich überall in der Republik aus. Inzwischen gibt es in vielen deutschen Städten regionale „Slams" und „Slamilies", wie es nach dem englischen Wort für Familie liebevoll heißt.
Auch die Zahl der Teilnehmer am „National Slam", bei dem sich einmal im Jahr - dieses Mal wird das Treffen in Hamburg stattfinden - die besten „Slammer" Deutschlands treffen, nimmt stetig zu.
Die meist jugendlichen Performance-Poeten ziehen Zuschauer an, die konventionelle Dichterlesungen für ergraute Veranstaltungen mit Wasserglas und braven Fragen halten; ein Publikum, das die Leseforscher schon aufgegeben hatten. Jetzt findet es zurück zu einer Dichtung, die zwar mehr mit Popkonzerten als mit Literaturhäusern zu tun hat, aber letztlich nichts anderes ist, als die Wiederkehr des guten alten Dichterwettstreits - allerdings mit aufmüpfigem, subkulturellem Anstrich.

Die Lyrik der Straße

„Slam Poetry" wird oft mit „heftiger Dichtung" übersetzt. „Slam" bedeutet aber auch „Gefangener" oder „Knast" und deutet damit auf einen Ursprung der Bewegung hin: Ähnlich wie der Rap hatte sie Ihren Platz in der Welt der amerikanischen Ghettos, in denen marginalisierte ethnische Gruppen nach Ausdrucksformen für sozialkritischen Protest suchten. Gleichzeitig ist die „Slam Poetry" eine Lyrik der Straße, die an die historischen Avantgardebewegungen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts erinnert. Viele deutsche „Slam"-Schreiber versuchen, mit Witz dem von Medienkonsum und Stadtkultur geprägten modernen Leben beizukommen. Manche sehen sich auch als eine Art Opposition zum Literaturbetrieb, dessen konsumorientierte Gesetze sie ablehnen. Überleben könne diese Szene eigentlich nur, weil sie solidarisch organisiert sei, sagt Dirk Hülstrunk, einer der Organisatoren des Frankfurter „Slam" im BCN-Café. Für ihn ist die Form des „Poetry Slam" eine Kunstform.
Konventionelle Lesungen hingegen hält er für Werbeveranstaltungen. Die „Slam Poetry" selbst bietet seiner Ansicht nach die Möglichkeit, „ohne schlechtes Gewissen trivial zu sein". Literatur dürfe auch Spaß machen. Manchmal tritt Hülstrunk hier auch selbst auf die Bühne und gibt ein Spektakel zum Besten, das sich anhört, als habe er die Sprache mit dem Pürierstab bearbeitet: Einzelne Laute und Lautfolgen wie „ni ...ni ...ni" oder „en...en...en" rattern in rasantem Tempo aus seinem Mund. Er gurgelt, trällert, prustet oder bellt, manchmal scheint er fast zu singen. Die Laute kombiniert er nach einer Art Bausteinprinzip, so daß letztlich doch Strukturen erkennbar werden.
Die ersten „Slam Poetry"-Wettkämpfe fanden 1986 in Chicago statt. Der Amerikaner Marc Smith, der als Vater der Bewegung gilt, hatte den Einfall, Lesungen und Veranstaltungen mit „offenem Mikrophon" und offener Teilnehmerliste in Wettbewerbe mit Zuschauervotum zu verwandeln. Damit wollte er die Teilnehmer anspornen und das Publikum mit einbeziehen. Der Eigenwert einer unterhaltsamen Performance werde in Deutschland stark unterschätzt, sagt Alexander Pfeiffer, der in Wiesbaden „Poetry Slams" organisiert. Dabei könne sich der deutschen Literatur hier ein „neuer Ansatz" bieten. Die Zuschauer sollten sich wohl fühlen und wiedererkennen können und so auch an komplexere Literatur herangeführt werden. Er hoffe, mit „lebensnahen" Präsentationen dafür sorgen zu können. Dennoch dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, daß jeder Text, der mehr als fünf Minuten Konzentration erfordere, überflüssig sei. Daher würden in Wiesbaden „Slams" mit konventionellen Lesungen kombiniert: erst lesen jeweils zwei Autoren etwa eine dreiviertel Stunde lang aus ihren Werken, dann schließt sich ein Wettstreit mit offener Teilnehmerliste und Publikumsentscheid an.
In Hessen gibt es inzwischen mehrere Slam-Gemeinden. Kürzlich fand der erste Gießener „Poetry Slam" statt. Auch in Fulda sollen Dichter gegeneinander antreten.
In Wiesbaden kommen etwa einmal im Monat 50 bis 100 Anhänger der „heftigen Dichtung" zusammen. In Frankfurt trifft man sich etwa alle zwei Monate im BCN-Café am Nibelungenplatz. „Lasse Nienach" hat sich nicht zum ersten Mal in Frankfurt in die Teilnehmerliste eingetragen. Der Ex-Germanistikstudent spielt angeblich Konzertgitarre, mag aber auch „Country"-Musik, verfaßt Song-Texte, redet mit Verve über Benn und Nietzsche, „Formen des Widerstands" und die „Einheitsfront gegen den Faschismus". Oder darüber, daß Studenten eigentlich Arbeiter seien und was sich alles ändern müsse.
Eigentlich würde er auch gern einen Roman schreiben, doch „aus Konditionsgründen" habe das bislang noch nicht geklappt. „Inspiriert sei er vor allem, wenn er „besoffen" sei, „ein bißchen wie Bukowski". Dann schreibe er los, doch nach spätestens zehn Seiten übermanne ihn doch die Müdigkeit.

Spaß am lautstarken Protest

Als das Frankfurter Publikum nach seinem Vortrag abstimmt, behält er recht: Das Publikum will Alexandra Becht in der nächsten Wettkampfrunde sehen. Ihre Performance hat die höhere Punktzahl erhalten. Am Ende des Abends wird sie sich auch gegen alle anderen Teilnehmer des Abends durchgesetzt haben. „Solche Urteile sind subjektiv", sagt Hülstrunk. Abgesehen davon, daß es ohnehin schwierig sei, Literatur nach rein objektiven Kriterien zu beurteilen, sei das jedoch das Besondere am ,Slam". Die Zuschauer würden aus der Rolle des passiven Konsumenten befreit.
Wer „Poetry Slams" besucht, muß auch nicht ruhig auf einem Stuhl sitzen. Er kann aufstehen, rein- und rausgehen oder sich zwischendurch mal ein Bier bestellen. Frei von jeglichen Zwängen darf gejubelt oder gebuht werden. Auch auf Kosten der Dichter: Habe ein Publikum erst einmal Spaß am lautstarken Protest gefunden, sagt der Wiesbadener Veranstalter Alexander Pfeiffer, könne irgendwann niemand mehr bestehen.
Im Sommer suchen die „Slammer" ihr Publikum auch auf der Straße. Die Organisatoren des „Slams" im Frankfurter BCN-Café beteiligen sich in diesem Jahr am Museumsuferfest: Am 26. August veranstalten sie an dem Stand von „Radio X" ein „Poetry Slam Extra", bei dem auch Alexandra Becht zu hören sein wird. Der Wiesbadener „Slam" ist am 25. August während des Festivals „Folklore im Garten" in Wiesbaden-Freudenberg zu Gast. In den vergangenen Jahren fanden sich hier schon bis zu 600 Zuhörer ein. Für Neugierige sind dies Gelegenheiten, sanft Kontakt aufzunehmen mit der „heftigen" Dichtung. Auch wenn es mittlerweile Anthologien mit „Slam-Poetry" gibt, von der Lektüre ist abzuraten. Zwischen Buchdeckeln bleiben diese Texte meistens platt.
SIGRID SCHERER


poetry slam #17:
Frankfurter Rundschau, 12.07.2001
Preiswürdiges Gespräch zweier Schulabgänger 

90 Besucher kamen zum 17. Poetry Slam in der Fachhochschule und lauschten sechs Autoren

FRANKFURT A. M. (aky). Alexandra Becht, obwohl schon zum zweiten Mal beim "Poetry Slam" dabei, fehlte anfangs noch etwas die Routine. Mit zittrigen Händen und einer Stimme, die sich gelegentlich überschlug, trug sie ihre Gedichte im BCN-Café der Fachhochschule am Nibelungenplatz vor. Sie war die erste Vortragende an diesem Abend. Das Publikum, das sie durch Applaus ermunterte, störte die Nervosität aber nicht. Ihre Texte kamen gut an, wie sich später zeigte. Lasse Nienach war hingegen die Ruhe in Person. Während er an einer Zigarette im Mundwinkel zog, verwandte er mehr Zeit darauf, in seinen Texten zu blättern, als sie vorzutragen. Nach zehn Minuten klingelte ein Wecker, und der nächste war an der Reihe. Zum 17. Poetry Slam kamen etwa 90 Besucher, um den besten Poeten in den Kategorien Text und Vortrag zu wählen. "Die Leute, die hier auftreten, müssen wissen, dass der Vortrag beim deutschen Publikum wichtiger ist als der Text", sagte Dirk Hülstrunk einer der Organisatoren und auch selber "Slammer". "Vor allem witzig muss der Text sein. Denn wenn das Publikum lacht, hast du so gut wie gewonnen." Seit Oktober 1998 organisieren Dirk Hülstrunk und Jürgen Klumpe vom BCN-Café den Dichterwettbewerb. Sie wissen, dass in den Sommermonaten weniger Leute kommen. "Heute haben sich nur sechs Poeten in die Leseliste eingetragen", bestätigt Mitveranstalter Klumpe. "In der Regel gibt es mehr Eintragungen als wir auftreten lassen können, und das sind maximal zwölf Kandidaten." Großen Zulauf habe der Wettbewerb während der Buchmesse. Dann "kommen viele Schriftsteller und Dichter zusammen. Sie sehen den Wettstreit als Chance, um zu erfahren, welche Wirkung ihre Gedichte beim Publikum haben", meint Jürgen Klumpe. In den Anfängen sei den Veranstaltern des Poetry Slam vorgeworfen worden, dass sie nach ihren eigenen Regeln Dichter ins Finale brächten. So hätten sich die beiden Veranstalter entschlossen, keine Jury aus dem Publikum zu wählen, sondern gleich alle Zuschauer abstimmen zu lassen. Nachdem die Poeten - jeweils zwei in einer Gruppe - ihr Gedicht vorgetragen hatten, gaben die Anwesenden jeweils maximal zehn Punkte für die Kategorien Text und Vortrag. Der Poet, der die meisten Punkte ergatterte, wurde Gruppensieger und kam ins Finale. Die drei Finalisten traten nochmals auf. Sieger wurde, wer den meisten Applaus bekam. Alexandra Becht, die zu den letzten Drei gehörte, war bei diesem Auftritt ruhiger. Mit ihrem Text konnte sie das Publikum für sich gewinnen. Er handelt von einem Gespräch zweier Schulabgänger, die sich Gedanken über ihr Leben und das von Universitätsabsolventen machen, die ihr Diplom schon in der Tasche haben. Beicht wurde auf den ersten Platz gewählt und erhielt ein kleines Preisgeld. Die beiden anderen Finalisten, Ludwig Fiebig und Christian Tippe, bekamen, wie auch die Gewinnerin des Poetry Slam, eine Flasche Sekt.


poetry slam #17:
Frankfurter Rundschau, 11.07.2001
Zum Verzehr
- Autoren, die alles geben -
Von Christoph Schröder

Alexandra gibt alles. Hat sich für ihre Performance sogar extra ein T-Shirt besorgt, auf dem "Per-vers" steht, weil unter diesem Motto auch ihr Vortrag steht. Flüstert und schreit. Atmet und seufzt ins Mikro. Spricht von Nacktheit, die sie gegenüber dem Publikum empfindet und stellt die großen Fragen: "Was ist Realität, was ist Schein?" Lasse dagegen braucht ein wenig Anlaufzeit, weil er sich scheinbar noch nicht so ganz sicher ist, was er nun eigentlich vorlesen soll. Er entscheidet sich dann für einen Text über Zarathustra, Galilei und Selbsttherapie. Vielleicht hätte er doch lieber seine Gedanken zu Peter Handkes Kaffeetasse äußern sollen, jedenfalls scheitert Lasse grandios am Votum des Publikums - mehr als 100 Punkte beträgt der Abstand zu Alexandra. Die Regeln beim Poetry-Slam im BCN-Café an der FH sind einfach: 10 Minuten Zeit hat jeder Kandidat, danach wird ihm der Saft abgedreht, egal ob er nun fertig ist oder nicht. Zwei Wettleser treten gegeneinander an, das Publikum vergibt Punkte für Performance und Textqualität; der Sieger zieht in die Endrunde ein. Normalerweise, so erzählt mein Tischnachbar Christian, sei das Café zu diesem Anlass gerammelt voll, aber angesichts der Hitze draußen sind schon die gut 100 Besucher an diesem Abend beachtlich. Christian ist dann auch der Nächste auf der Bühne. Er liest kurze und durchaus originelle Geschichten, mit denen der ausgeschiedene Lasse gar nicht einverstanden ist, doch seine Zwischenrufe ("reaktionär", "sehr kritisch") bringen Christian nicht aus der Ruhe. Er setzt sich souverän gegen den Amerikaner Michael und seine holprig gereimte Sozialromantik durch. In der dritten Runde verdient die etwa sechzigjährige Anke sich zumindest einen Mutpunkt für ihr Leoparden-Oberteil. Dass sie und ihr bedauernswert schlechter Text über "Die alte Frau und das Internet" jedoch nur mit zwei Punkten Unterschied aus dem Rennen fliegen, kann nur daran liegen, dass ihr Gegner Ludwig neben einer Obsession für Popel, Fäkalien, Bauchnabelknies und Alkoholismus auch nicht allzuviel zu bieten hat. Damit steht das Ergebnis im Grunde schon vor der Finalrunde fest: Christian schreibt die eindeutig besten Texte, passt aber auch mit seinem zweiten, ruhigen Vortrag nicht so ganz in den Rahmen, Ludwigs Toilettenfetischismus und Analfixation langweilen - bleibt also Alexandra, deren Auftritt zwar nervig-expressiv, aber in sich stimmig war. Christian hat übrigens seine gewonnene Sektflasche gleich am Tisch zum Verzehr frei gegeben. Und das war ein feiner Zug von ihm.


poetry slam #12:
Frankfurter Rundschau, 19.10.2000 

Beim poetischen Schlagabtausch kann sich niemand blamieren

Im BCN-Café treffen sich die Dichter zum 12. Poetry Slam / Während der Buchmesse gibt es eine große Party 

Von Axel Nixdorf 

FRANKFURT A. M. Alle sprechen über den Volksentscheid. Doch während sich Politiker in  Brüssel damit beinahe um Kopf und Kragen schwatzen, ist Volkes Wille im Frankfurter BCN-Café Ursache und Zweck für den "Poetry Slam!" - frei übersetzt etwa Gedichtetes auf den Tisch donnern. Das schöpferische Wort findet hier oft noch während seiner Produktion die Zuhörer, an denen es den armen Poeten im Dichtergehäus' unterm knarrenden Dachbalken oft so schmerzlich fehlte. Ob Sponti-Dichter oder Tragöden, die die Wörter mit dem goldenen Meißel aus Marmorplatten heraus hämmern - alle, alle sind in Frankfurt willkommen. Der Applaus für den Mut, überhaupt auf der Bühne zu stehen, ist jedem gewiss. 

"Hallo, ist Günther da?" fragt der prometheische Dichter ins Dunkel, als gäb's dort draußen ein  Ohr, zu hören seine Klage. Unten im Parkett klatscht die Menge der Juroren in die Hände. Jeder ist auf seine Weise kritisch und stimmberechtigt im Volkstribunal. 

Flaschenbier im Dämmerlicht und nicht nur auf dem Schulklo riecht's nach Gras. In dieser Atmosphäre gedeihen feuchtwarme Lüsternheiten genau so gut wie surrealistische Weltraumabenteuer von Bratwürsten auf der Flucht. Texte so flach wie der Norden und lyrische Kürzel von erhabener Eleganz - wer kann wissen, womit die Dichter aufwarten? Mitunter gähnen die Richter, weil der Reim gar zu gezirkelt wirkt oder wie auf zu hohen Absätzen vorbei stakst. In der letzten Runde entscheiden Länge und Lautstärke des Beifalls über Wohl und Wehe des Poeten. Ganz entsprechend der Wahrheit, dass Applaus das Brot des Künstlers ist. (Wobei man hier immer wieder Max Goldts Warnung mitzudenken hat, dass Brot keineswegs der Applaus des Bäckers sei.) 

Während die ersten Slam-Wettbewerbe noch mit Wortgewalt beeindruckten, hat sich nun der Trend zur Volksbelustigung durchgesetzt. Den Dichterkrieg gewinnt, wer möglichst mühelos unterhält. Da hilft ein Outfit mit hohem Wiedererkennungswert oder auch mal eine Zote, so etwas merkt man sich leicht. Und mitunter applaudiert das Publikum aus Stolz über die eigene Erinnerungsleistung. Chapeau! 

Natürlich gibt es auch im BCN-Café lokale Größen, die die fremden Eindringlinge das Fürchten lehren. Dem Einen genügt ein Wort wie "Kühlersterben" und schon ist es ein weiter Weg für die Konkurrenz, ihn einzuholen. Dann kommt die "Konnässöhrs" im Publikum das Johlen an. Auf dieses Wort scheint man gewartet zu haben. Man trifft sich poetrysch, jauchzt belustigt und holt sich noch 'ne Flasche Bier. 

Am Wochenende geht das Slammen in die 12. Runde. Pünktlich zur Buchmesse wird am Freitag ein weiterer Wettbewerb ausgetragen. Und weil es so schön ist, öffnen sich am Samstag zur Poetry Slam!Party die Pforten. Dort wird das Buch zur Show vorgestellt. Es heißt "Poetry Slam! Was die Mikrofone halten". (Und das, obwohl die gar nichts versprochen haben!) 
 Außerdem wird man auf dem Fest extra eingeflogene Slammer bewundern können: Ainsley Burrows & Tehut 9 kommen aus New York nach Frankfurt und zeigen den Lokalmatadoren, was eine amerikanische Slam!-Harke ist. 

Hingehen lohnt sich schon deshalb, weil der Aufbau von deren Website im Internet ungefähr so lange dauert wie ein Flug vom Main an den Hudson River. Doch brennt die Poesie von Tehut-Nine nur annähernd so wie die Buchstaben in seiner virtuellen Repräsentanz, dann braucht man sich am Samstagabend gewiss nicht besonders warm anzuziehen. 

Der 12. Poetry Slam! wie auch die Poetry Slam!Party mit "spoken word performance" finden im BCN-Café am Nibelungenplatz 1 statt: Poetry slam! Nummer 12 am Freitag, 20. Oktober, Einlass um 20.30 Uhr, Leseliste von 21 Uhr an, Beginn 21.30 Uhr. Die Buchmessen-Party steigt am Samstag, 21. Oktober, um 21 Uhr. 


Frankfurter Rundschau Magazin 14.10.2000 
FAUSTFICK BEIM POETRY SLAM 

von Dirk Hülstrunk

Eigentlich sollte es sein letzter Poetry-Slam werden. Jan Off aus Braunschweig gesteht vor seinem Auftritt in der Finalrunde des German National Poetry Slam: „Diesmal will ich mit einem Paukenschlag abgehen.“ Da steht er nun, seit Jahren als Enfant Terrible der Underground- und Slamszene für Unberechenbarkeit berüchtigt, als einer von 14 Finalisten des Einzelwettbewerbs im Rampenlicht vor dichtgedrängtem Publikum. Und der Schreiber meist ziemlich derber Geschichten gibt sich bescheiden: „Verzeiht mir, dass ich heute, bei meinem letzten Slam, ein Gedicht vortrage und dabei auch kurz singe.“ Doch unvermittelt sieht sich das Publikum einer stetig wütender und wüster werdenden Anti-Slam Predigt gegenüber. Off nimmt das komödiantische Spektakel aufs Korn, will den fünf zufällig aus dem Publikum ausgewählten Juroren einen Faustfick für ihre Beschränktheit verpassen. Dazwischen fallen die entscheidenden ehrlichen Worte: Dass sich Poesie nicht in Noten messen und bewerten lasse. Publikum und Juroren reagieren mit frenetischem Jubel und der höchsten Punktzahl des Abends. Jan Off, der Berufszyniker mit dem authentischen Proletenflair gewinnt den Titel National Poetry Slam Champion 2000. Sollte das alles Kalkulation gewesen sein? 

Doch zurück zum Anfang. Zum vierten mal wurde Anfang Oktober ein bundesweiter Poetry-Slam in Deutschland ausgetragen, jener Gipfel der undergroundigen und popkulturellen Dichterwettbewerbe. Nicht Literaturwissenschaftler und Spezialisten verteilen hier Preise, sondern fünf zufällig ausgesuchte Publikumsjuroren, die aus dem Bauch heraus 0-10 Punkte vergeben können. Mehr als 100 Slammer aus 30 Städten waren nach Düsseldorf in das Kulturzentrum Zakk gereist, um die Gunst der Jury und des Publikums zu gewinnen, darunter auch Teams aus der Schweiz und Österreich. Wie jedes Jahr gab es neben dem Einzelwettbewerb auch einen Teamwettbewerb, in dem drei bis fünf Dichter als Vertreter ihrer Stadt möglichst einen gemeinsamen Vortrag zum Besten geben sollten. Die Zeit ist knapp bemessen: Zehn Minuten für das Team, fünf Minuten für die Solisten. 
Vier Tage mit jeweils drei getrennten, teilweise parallel stattfindenden Vorrunden, die bereits nachmittags begannen, waren nötig, um die Masse an Texten zu bewältigen. Eine Weile brauchte dieser National Slam um warmzulaufen. Und was gab es dieses Jahr an Texten zu hören? Die Lieblingsthemen dieser Veranstaltung waren Sex und Fußball. Das verpackten die Poeten gerne in deftigen Geschichten, wie Jaromir Konecny, der sich mit „Masturbation im Sozialismus“ auseinandersetzte. Schlüpfrig-zotige Knittelverse waren diesmal besonders stark vertreten. Ausgefallenere Formen, kompliziertere Texte und selbst ausgetüftelte Performanceideen hatten es schwer. Erstaunlich auch die Rückkehr der politischen Betroffenheitspoesie. Besonders ausgeprägt war diese beim Wiener Team, das in die Endrunde kam mit der Frage „wie man sich heute noch mit dem Thema Faschismus auseinandersetzen kann“.

Doch es gab auch Highlights. Mit stillen verschachtelten Texten ohne zotige Pointen und schlimme Reime schaffte es der junge Berner Autor Jürg Halter zumindest ins Vorfinale. Tracy Splinter, die Titelverteidigerin aus Hamburg, zeigte wortspielerisch, rhythmisch und dynamisch ausgefeilt, mit präziser beeindruckender Gestik und einer Prise Einsamkeitspathos was Spoken Word Performance sein kann. Eine ähnliche Intensität des Vortrags erreichte hier allenfalls Bastian Böttcher mit seinen geschickt verzahnten Endlosreimen. Unter den Teams boten die Tübinger Titelverteidigerinnen, ein reines Frauenteam, literarisch anspruchsvolle mehrbödige Texte, frei vorgetragen in perfekter Hörspielqualität. Die Stuttgarter rissen das Publikum mit einer atemlosen Paraphrase auf das Hohelied Salomos voller absurder Metaphern mit. Gewonnen haben den Teamwettbewerb allerdings die Aachener. Mit einem Stück aus der Perspektive eines Fußballs, das ein wenig an Übungen aus der kreativen Schreibwerkstatt erinnerte, schnappten sie den siegesgewissen Stuttgartern in einem spannenden Finale den ersten Platz weg.

TEXT: DIRK HÜLSTRUNK 

 


poetry slam #7:
Frankfurter Rundschau, 28.10.99 

Was nicht sofort zündet, geht unter
Witziges und Hintergründiges beim Frankfurter Poetry-Slam / Jaromir Konencny Sieger 

Von Annette Becker 
Frankfurt A. M. "Mitmachen statt nur dabeisein", prangte auf dem T-Shirt eines Teilnehmers. Auch beim siebten Frankfurter Poetry Slam war Einsatz gefragt. Kräftig jubelte, pfiff und trommelte das Publikum, als es per Beifallsbekundung aus den Rundensiegern Markim Pause, Werwald Koslowski und Jaromir Konecny den Gesamtsieger wählte. Konecny ging in der Endausscheidung schon zum zweiten Mal bei einem Frankfurter Slam als deutlicher Gewinner hervor. 

Bereits bei der Vorentscheidung hatte er die Lacher auf seiner Seite. Eigentlich hätte er regelgemäß mit seiner Erzählung "Im Banne der Naturheilpraktiker" nach zehn Minuten aufhören müssen. Dach das erheiterte Publikum erzwang energisch die Fortsetzung der skurrilen Raucherentwöhnungsgeschichte, die überraschenderweise mit dem Totalverzicht des mühsam von Neurosen befreiten Erzählers endete, denn: "Nur aus Spaß rauchen, ist mir zu blöd." Erzählen kann der Schweijk des Slam übrigens wirklich. Gerne benutzt er das Mittel der unpassenden Distanz, ist den Dingen entweder zu nah oder zu fern, um sie verstehen zu können, arbeitet sich aber dennoch unverdrossen daran ab. Sein leicht tragikomischer böhmischer Akzent trägt zu seiner Bühnenwirkung bei. Mit seiner tschechischen Herkunft kokettiert der Promovierte Chemiker gerne, verbreitet sich mit breiten Umlauten über "Die unerträgliche Last, einen Akzent zu haben." Mehrere Bände mit Erzählungen sind bereits veröffentlicht ein weiterer ist in Vorbereitung, ebenso Konecnys erster Roman. Damit ist er nicht alleine. Einige der Slam-Poeten veröffentlichen ihre Texte, oft im Selbstverlag, und erforschen ihre eigene Szene. So versucht Boris Preckwitz aus Hamburg in seiner Magisterarbeit eine Analyse der Slam-Kommunikation, die in der Tat kaum auf einen Nenner zu bringen ist. 

Auch beim siebten Frankfurter Poetry Slam wurde unterschiedlichstes Niveau geboten. Viele der selbsternannten Poeten glänzten durch postpubertäre Freude am plumpen Bruch längst angeknackter Tabus, die sich durch alle Formen der sprachlichen Darstellung zog. Rasante Knittelverse im Büttenredenstil wechselten mit lyrisch aufgeladener Prosa, Brachiales wurde abgelöst von Hintergründigem, Makabres grinste hinter vorgetäuschter Einfalt hervor. 

"Poppen will gelernt sein." Mit unbewegtem Gesicht erzählte Christian Humborg die Geschichte von Bernd und Claudia und ihrer beinahe tödlichen Suche nach Lustgewinn. Fazit: "Poppen kann man nicht lernen." Dann wurde es still. Nach allem Schenkelklopfen trat einer auf, dem man ganz genau zuhören musste. Sprach- und Wortspiele zogen sich durch die Texte von Martin Schmitt aus Augsburg: "immer wird es syntax, kommt die erinnerung." Kalauernde Assoziationen beschrieben Schreibprozesse und Schreiberfahrungen, kreisten um das Verhältnis von Sprache, Welt und Subjekt: "hinter meiner windschutzschreibe bin ich scheibenwisser." 

Aber leise Töne kommen beim Slammen weniger gut. Zu wichtig ist der unmittelbare Effekt, Vortrag und Text fließen zu gleichen Teilen in die Bewertung ein. Bei den Texten ist Eingängigkeit gefragt. "Irgendwie hab' ich mir schon immer gedacht, dass Goethe mal als Slam-Star wieder geboren wird!", freute sich Rundensieger Koslowski selbstverliebt, sein Kollege Markim Pause verkündete stolz: "Beim Dichten, das weiß jedes Kind/ Ist das Hirn im Arsch geschwind." Was nicht sofort zündet, geht unter. 

Am 29. Und 30. Oktober fliegen die Worte in Weimar beim "National Poetry Slam". Frankfurt ist durch Hans-Jürgen Lenhart und Christian Humborg vertreten. Sie hatten den Ausscheidungswettkampf, den sechsten Poetry Slam, gewonnen. Das Frankfurter Team für den "Team-Battle" besteht aus Hayadatullah Hübsch, Paul F. Cowlan, Gabi Schaffner und Dirk Hülstrunk. In Frankfurt geht es international weiter, Gaststar des Poetry Special Slam plus Party am 5. November ist DJ und Slammer Rich Medina aus den USA. Der nächste Mitmach-Slam im bcn-Café ist Anfang Dezember. 


poetry slam #6:  
Frankfurter Rundschau 19.7.99

Schwall im All
Literatenstreit beim Sommerfest der Fachhochschule
Frankfurt: Eine Form der Poesie, die die Geister scheidet
Von Hans-Georg Moek 

Was alles so Sprache sein kann: Fall, Fallall, all, schwall, all, lallallall... . 
Wenn Dirk Hülstrunk sein buddhistisches Speed-Mantra ("agga-ong") deklamiert, die Worte "Warum", "Weshalb", "Deutsche Bahn" oder "Mehrwertsteuer" einsprengt, und sich dabei gestikulierend auf der Bühne hin- und herbewegt, nennt er das "Aktionspoetik". Dabei moduliert er zwischen laut und leise, geht von Begriffen über zu Knurren, Bellen oder Motorfahrgeräuschen und findet damit, wie er sagt, eine Form des Ausdrucks, die zeigt, daß Sprache mehr ist, als geschriebenes Wort. 

Eine Form der Poesie, die die Geister scheidet; auf dem Poetry Slam beim Sommerfest der Fachhochschule (FH) Frankfurt hat Hülstrunk jedenfalls den zweiten Platz belegt. Elf weitere Teilnehmer maßen sich mit ihm bei dem Wettbewerb, der am Wochenende rund 500 Zuschauer in den Großen Hörsaal der FH lockte. 

Die Regeln hat Dirk Hülstrunk selber festgelegt. Zusammen mit den Betreibern des BCN-Cafes am Nibelungenplatz führt er im zweimonatigen Abstand solche "Poetenschlachten" durch. Die ersten zwölf Lesewilligen, die sich vor Wettbewerbsbeginn in eine Liste eintragen, dürfen auf die Bühne und zehn Minuten lang eigene Texte vortragen. Erlaubt sind Storys, Gedichte, Rap, Performance oder Freestyle, die Entscheidung über den Sieg fällt dann das Publikum per Applaus. 

Das hat sich aber nicht immer erst bei der Auswertung bemerkbar gemacht: Uwe Goetze, auf dessen T-Shirt über einer riesigen Rose "Valentinstag" prangte, mußte sich während des Lesens die Zwischenrufe "Der soll sich setzen" und "Aufhören" gefallen lassen, bekam dann aber auch 
"Weitermachen" zugerufen. Sein Vortrag war - zugegebenermaßen - nicht ganz so spektakulär, wie der einiger Konkurrenten. 

Die waren entweder ausdrucksstark im Vortrag und vielseitig in den Mitteln wie Dirk Hülstrunk. Oder absurd und witzig, wie Maik Lippert, der sich mit  seinen Kurzgedichten über zärtliche Berührungen von Trageriemen seiner Pfandflaschen-Taschen oder über Taubendreck Gehör verschaffte. Verblüffend gelungen reimte der Bornheimer Realschüler Florian Mazurkewitz als einziger ohne Textvorlage frei von der Leber über Einsamkeit und Krieg, Schmerz oder Liebe. 

Äußerst geistreich aber und komisch zugleich war der Gewinner des Abends, Hans-Jürgen Lenhart, der mit seinem Gewinn für die deutschlandweite Endrunde, dem German National Slam am 29./ 30. Oktober in Weimar qualifiziert ist. Lenhart wiederholt minutenlang Sätze, läßt dabei mehr und mehr Buchstaben weg und knurrt schließlich nur noch Konsonantenreihen. Oder er bildet Wortreihen, die ihn von Laudatio zu Ultimaratio, Malaria und schließlich zu Rias Berlin führen. Bei seinem Kontaktanzeigen-Gedicht "Prinzessin sucht Prinzen" steckt er sich mit jeder Klammer, die er in den Text einfügt (über 30, attraktiv, über 180, Schütze, Bild wäre nett, aber kein Muß) eine Wäscheklammer in die Haare, ins Gesicht oder auf die Nase. 

Der Dietzenbacher Gesamtschullehrer, dessen Vorbild Steve Reich, Begründer der sogenannten minimal music ist, nennt seinen Stil "absurdes Kabarett": Bei der Verknüpfung von Musik, Literatur und Kunst ist ihm eines wichtig: "Humor, daß das nicht so akademisch ist, sonst kommt hier ja keiner her." 

Nächster Slam am Freitag, 15. Oktober, im BCN-Cafe, Nibelungenplatz, Wettbewerbsbeginn um 21.30 Uhr. 


poetry slam #4:
Frankfurter Rundschau 22.3.99

Metronom-Lyrik 

Es ist sicher besser, nicht alleine alleine hinzugehen. Es sollten Freunde dabei sein, die gerne lachen, auch über unfreiwillige Komik. Dann kann es ein amüsanter Abend werden im BCN-Café. Literarische Ergüsse sind kaum zu erwarten, das ganze trägt den Titel "Poetry Slam" und das bedeutet: jeder darf, jeder kann, auch wenn er nicht kann. 

Einhalt gebietet den selbsternannten Poeten nur eines: eine klingelnde Pfeffermühle, die dem Wettlesen jeweils nach zehn Minuten ein Ende bereitet. Das Publikum darf wählen zwischen gröhlenden Beat-Veteranen, salbadernden "Phrasen-Vampiren", Trash-Piloten und Tieffliegern. Natürlich wird in diesen Texten viel gesoffen und geraucht, auch gefickt. Das gehört schon dazu. "Mein Schwanz pocht in dir wie ein Metronom" - da ist Lachen eine echte Befreiung. 

Es muß der Ehrlickeit halber gesagt werden: In dem ganzen Text-Getümmel gibt es auch Lichtblicke. Kleine, erheiternde Überlegungen zu den Wörtern "ah" und "so" und deren unterschiedliche Bedeutungen oder die tratsche Geschichte eines gelangweilten Kamelpaares sind Hinweise auf das, was so ein Poetry Slam auch sein könnte: ein Credo für die Lust am Text, wider den Ernst und die Schwere. Vielleicht kamen die Besucher deshalb schon zum vierten Mal in Scharen zum Poetry Slam. Vielleicht aber auch, weil es das in anderen Großstädten auch gibt, und weil man da schon mal hingehen kann, wenn man gute Laune hat. wan


poetry slam #2:
Fuldaer Zeitung

Poetry Slam: Wenn Freizeitpoeten auf der Bühne um die Gunst des Publikums kämpfen / Verruchtes ist gefragt
Die Fans grölen „Kühlersterben“

Von unserem Redaktionsmitglied Boris Schöppner 

Frankfurt. Mitmachen kann jeder. Dies ist Regel Nummer eins einer Poetry Slam, wie sie in Chikago, New York, München, Augsburg und Hannover stattfinden. Oder in Frankfurt - im BCN-Café der Fachhochschule am Nibelungenplatz im Nordend. 

To slam, so steht es im Wörterbuch, bedeutet soviel wie zuknallen oder zuschlagen. Bei einer Poetry Siam prallen unterschiedliche Dichter aufeinander und diese wiederum auf das Publikum, so daß es knallt. Denn laut Regel Nummer zwei sollen die Zuhörer lautstark kundtun, ob ihnen die vorgetragenen Gedichte gefallen. Dem Künstler steht je nach Veranstaltungsort eine bestimmte Zeit zur Verfügung, um Teile seines Werkes darzubieten. Im BCN-Café klingelt der Wecker erbarmungslos nach zehn Minuten. Um innerhalb dieser Frist das Publikum zu begeistern, reicht es freilich nicht aus, seine zu Papier gebrachten Gedanken mit den Händen an der Hosennaht zu rezitieren. Nein, Show ist gefragt. Ob stimmgewaltige   Interpretation oder stimmungsvolle Modulation, das hängt vom Text ab. Und hier gibt es keine Einschränkungen: 

HipHopper tragen ihr Produkt rappend vor, Altfrankfurter verleihen ihrer Verehrung für junge Frauen mundartlich Ausdruck. Moralisten (,,Raucht nicht. Baut keine Waffen") finden bei den Slams genauso ein Forum wie die betont Unmoralischen, deren Verse von Lust, Laster und Leidenschaft inspiriert sind. 

Zum dritten Mal dabei war Maik Lippert, der mit ,,Cool Baby, cool" bereits richtige Fans gewonnen hat, die beim Refrain ,,Kühlersterben, Kühlersterben" mitgrölen Sieger nach zwei Runden wurde bei der dritten Poetry Siam im BCN-Café Jens Hagemann, der Ausschnitte eines historisch anmutenden Textes über das Schicksal des Schiefkopfes vortrug, eines aus der mittelalterlichen Gesellschaft ausgestoßenen Jungen, der sich als Jahrmarktattraktion und Scherenschleifer 

verdingte. Mit viel Applaus auf die Bühne gebeten wurde der Autor des düsteren, melancholischen Textes, der kaum zu einem SIam-Abend zu passen scheint. Denn zumindest ein Teil des Publikums lechzt gewöhnlich nach saftig-deftigen Be- und Umschreibungen des Beischlafs. Man gibt sich gerne verrucht und tabulos. 

Chancen auf einen der vorderen Plätze - schließlich küren die Zuschauer per Stimmliste in den Kategorien Text und Vortrag die SIam-Sieger - haben auch die Lippenfurzer und Lautmaler, die in dadaistischer Tradition ein phonetisches Feuerwerk abbrennen. Mit ,,Jammer,  Jammer,  Kummer, Kummer" beginnt beispielsweise Norbert Zankel seinen neunminütigen Vortrag, bei dem er kreischend, brüllend, winselnd, weinend, mal euphorisch, mal niedergeschlagen die Silben mischt, mit der Zunge zerrührt, um endlich triumphierend zu schließen, ,,Ja, mehr Kummer!" 

Nicht so gut angekommen sind die unverarbeiteten persönlichen Erfahrungen einer jungen Dichterin. Das Vorgetragene erinnerte doch stark an Tagebuchaufzeichnungen jenes problematischen Lebensabschnittes, den Erwachsene als Pubertät bezeichnen. Die Zuhörer scharrten ungeduldig mit den Füßen. Wie lange doch zehn Minuten dauern können. Ein Wecker klingelt, den ein findiger Besucher mitgebracht hat. Gelächter. Selbstmitleidiger Seelenstriptease ist nicht so gefragt wie knackige Formulierungen. Mitma-chen kann jeder, doch nicht jeder kann mithalten. 

Die nächste Poetry Slam im BCN-Café am Nibelungenplatz findet am 19. März statt. Wer Eigenes vortragen möchte, der kann sich um 21 Uhr in die Leseliste eintragen. Die Show beginnt um 21.30 Uhr. 


poetry slam #1:
Frankfurter Rundschau, Kulturspiegel, 19.10.98 

Deklamation mit Strip
Frankfurts erster "Poetry Slam": Das Einfache siegte 

Exzessives Gebrüll, Sprechgesang, Sprachspiele, Bühnenspektakel - der erste "Poetry Slam" am Freitag abend im BCN-Café bot vor allem eins: 
Abwechslung. Da gab es einen, der sich deklamierend immerhin bis auf die Hose auszog und sich schließlich zu Boden warf, einen älteren Herrn ("Ich bin das Kontrastprogramm hier"), der in hessischen Jamben das ein oder andere "blutjung' Ding" besang und tatsächlich auch solche, die schlicht Geschichten vorlasen. 

Das Einfache siegte. Vom Publikum nach Sprache, Performance und Originalität bewertet, erhielten schließlich die Kandidaten die besten "Noten", die eigentlich nicht "slammten", sondern "nur" lasen. Das dafür aber gut. Klar vorn lag der Tscheche Jaromir Konecny, der gleich zu Beginn mit der Erzählung "Fahrprüfung in Bayern" zeigte, daß Beobachtungsgabe gepaart mit Ironie eine gute Basis für ordentlichen Stil bieten. 

Vor allem sprachlich überzeugte auch die Zweitplazierte Frankfurterin Heike Reich (einzige Frau unter 15 Lesenden), die ebenso wie Konecny Slam-Erfahrung und veröffentlicht hat. Wohl kaum wird einer der Besucher in Zukunft eine Pralinenschachtel öffnen, ohne an das amüsant-eklige "Mon chéri" zu denken. 

Doch wäre es schade, würden die zukünftigen Slams ein reines Vorlesen. Das Salz in der Suppe ist es denn doch, wenn Alt-68er Hadayatullah Hübsch "Gib mir dein Geld" ins Mikro brüllt und seine Hausbesetzer-Story zum besten gibt. Oder wenn Norbert Zanke im Sprechgesang Stirn, Schienbein und anderes in die Schüssel wirft und das Ganze Claudia Schiffer widmet. Und erfreulich war auch, daß "MC Moose" für seinen "Poetry-Rave" - nach drei Stunden des Lesens und Deklamierens - den dritten Platz errang. 

Fazit: Poetry-Slam, in anderen Städten bereits Kult, hat sich gut eingeführt. Im Café war's richtig voll, die Stimmung war gut und das Gebotene nur in den wenigsten Fällen peinlich. Das waren die Münchner Moderatoren "Rayl und KO", die eine miese Gottschalk-Kopie boten und den Draht zum Publikum nicht fanden. Doch sie sind beim nächsten Slam am 4. Dezember nicht dabei. prbs 


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